Zu spät dran

Zu spät dran

Ich muss zugeben, dass die Morde in der Redaktion von Charlie Hebdo mich zum Schweigen gebracht haben. In den letzten Wochen flutete eine Welle demonstrativer Verteidigung der Pressefreiheit durch Europa. Sonntägliche Großdemonstrationen, kollektives Anbringen von Je suis Charlie auf Websites und Selfies mit weißer Schrift auf schwarzem Untergrund. Es steht doch gut um unsere Demokratie, oder? Gerät ein Eckpfeiler in Gefahr, stehen aufrechte Demokraten zusammen und verteidigen ihn. Warum ist mir so unwohl dabei? Bewegen wir uns nicht geradewegs auf goldene Zeiten zu? Mit mehr Demonstrationen. Mit mehr empörter Meinungsäußerung. Pegida in Dresden hat längst eine Gegenstimme gefunden. Es wird gestritten und nicht länger nur Selbstgespräche auf der Couch geführt. Das Gekeife rutscht aus den Fernsehstudios auf die Straße zurück. Alles gut. Wie war das mit der Ice Bucket Challenge … ein Sommervergnügen. Erfrischend. Der Beweis dafür, dass Social-Selfies Geld einbringen. Niemand käme zurzeit bei den Temperaturen draußen auf die Idee, sich einen Kübel Eiswasser über den Kopf zu schütten. Wollen wir hoffen, dass es Je suis Charlie nicht ähnlich ergeht, weil es plötzlich wieder hip ist, Markennamen auf der Brust zu tragen. Dass es nicht ausreicht, sich eine Ausgabe Charlie Hebdo zu kaufen, um sich wie ein aufrechter Demokrat zu fühlen. Warum befällt mich bloß dieses Schweigen, wenn ich an Politiker denke, die sich einhaken und traurig sind? Selbst Schuld wahrscheinlich.