Tränengas

Tränengas

Manchmal wünsche ich mir einen Krimi, der noch nicht geschrieben ist. Mit einem erfundenen Verbrechen an der Oberfläche und einem tiefen Tableau gesellschaftlicher Abgründe. Was war los in den Nächten, als das Referendum den Griechen ihr Selbstwertgefühl zurückgab? War der Kompromiss Tage später in letzter Sekunde die berühmte Pistole auf der Brust, die nie einen Schuss abgibt? Lediglich theatraler Donner in der Parteienkulisse? Will sich denn kein Autor dieser Politiker annehmen, die ein Wahlszenarium bevölkert haben, das sich Shakespeare hätte ausdenken wollen? Was ist Noir? Vielleicht hat ja ein griechischer Minister aus dem nächtlichen Fenster geschaut, der vor einer Woche noch das Volk abstimmen ließ, bevor er im Parlament seine Hand hob. Deutsche Minister werfen jeden Tag einen Blick nach draußen. Die Plätze sind leer, die Kassen voll. Europa ist tot, es lebe Europa! Wo war Putin, wo die Ukraine, wo der dritte Weltkrieg? Wirtschaftskrimis gehen in Deutschland nicht, höre ich oft. Wie war das mit den Demonstranten auf dem Taksim-Platz? Sie wurden gefeiert. Ihr Kampf löste in uns das heldenhafte Stammtisch-Bewusstsein aufrechter Demokraten aus. Wetten, dass jene, die nun in Athen demonstrieren, auf weniger Schulterklopfen stoßen. Wir waren dabei, als Europa unterging. Wir waren einmal mehr Zuschauer, weil wir immer nur Zuschauer sein wollen. Aber mal ehrlich … wer mag schon Schaulustige? Rein mit ihnen ins Schlauchboot und raus aufs Mittelmeer. Leider ist auch diesmal kein Geld für die Rettung da. So ein Pech. Darüber haben sie auch mal abgestimmt.