Neverland

Neverland

Eine Frage stellt sich. Kommen wir jemals aus den Geschichten heraus, die wir gelesen haben? Wenn uns ein Buch fasziniert hat, sind wir lange Zeit auf der Suche nach diesem Moment. Auch die nächste Geschichte muss das schaffen. Was bedeutet das fürs Genre? Der Leser von David Peace ist nicht der Leser von Nele Neuhaus. Wir wollen immer wieder dieselbe Story, dieselbe Sprache, dieselben Helden nur mir einem anderen Mord versehen. Hauptsache Maigret bleibt Maigret, Parker Parker, Kajetan Kajetan. Und wehe ein Schrifsteller oder eine Schriftstellerin liefert nicht punktgenau ab. Ist die Serie nicht das Reihenhaus, aus dem der Nachbargarten dieselbe Grundstückgröße besitzt? Neue Geschichten haben es schwer. Wenn sie aus Taiwan und nicht aus Gummersbach stammen, in Wladiwostok und nicht in L.A. spielen, wenn die Namen nur schwer auseinanderzuhalten sind … No Chance! Ganz zu schweigen vom Hass einer jungen Autorin, die von satt situierten Altachtundsechzigern sanft belächelt wird. Breitet sich in uns, je mehr wir lesen, nicht eine altväterliche, altmütterliche, altabendländische Hybris aus? Werden wir nicht verdammt konservativ? Wie ein Korallenriff, an dem das eine oder andere zerschellt oder uns von Mal zu Mal mehr zementiert? Eine Heerschar Hobbyforensiker tummelt sich Tag für Tag in den Buchhandlungen. Der Hardcore-Schlitzer bedauert es, dass sein Buch nicht mehr unter der Ladentheke verkauft wird, vielmehr direkt im Drehständer am Eingang plaziert ist. Und die Literaten sind die Literaten, sind die Literaten. Wir alle sind gefangen in unseren Geschichten. Noir gefesselt und Whodunnit geknebelt und an die Spionage gekettet und bis zu den Fußknöcheln im Beton der Mafia feststeckend. Es gibt keine Gerechtigkeit im Krimi. Nicht mal bei den Lesern.