Neulich in der Sahelzone

Neulich in der Sahelzone

Wim Wenders soll in seiner ersten Zeit als Regisseur in Amerika über Francis Ford Coppolas Versuche, Computer beim Erstellen von Filmbildern zu nutzen, gesagt haben: der Film stirbt! Wie wir alle wissen, tat er das nicht. Nur unser Blick, unsere Geduld ist gestorben. Die Bilder sind schneller geworden, visueller. Womit nicht nur explodierende Hangars gemeint sind. Das Erzählen von Geschichten unterliegt dem allgemeinen Konsens, sich schnell zu langweilen. Wenn Mark Bolas nun in seinem Interview mit der SZ sagt, dass der Raum die Geschichte ist, sollten wir ihm genau zuhören. Nicht der Inhalt, die Verpackung erzählt demnächst. Direkt  im Virtuellen. Er ruft den „Immersiven Journalismus“ aus. Nachrichten als Augenzeugenerfahrungen. Es werden andere Nachrichten, behauptet er. Um 20.15 die Brille auf und ab nach Syrien ins umkämpfte Ramadi. Zwischen die Leichen und schön weggeduckt, wenn ein Granatsplitter auf einen zufliegt. Wir werden in upgeloadeten Handyvideos demnächst von einem Erdbeben erfasst, vor einem Tsunami davonlaufen. Nicht als Videospiel, als Teil der Nachrichten. Ist einem nach einem Schluck Bier oder einer Erdnuss, kurz den Helm oder die Brille ab und dann satt und zufrieden das Leid in den Flüchtlingslagern hautnah erleben. All das entwickelt Bolas im Institut für Kreative Technologien, im Labor für gemischte Realitäten. Wie lautet Murphys Gesetz? „Whatever can go wrong, will go wrong.“ Na dann hungern wir doch demnächst um 21.00 im Sudan mit.  Nachdem wir am Nachmittag im Fernsehstudio gekocht haben. Was bedeutet das für Autoren? Zieht euch warm an. Das Leben schreibt die besseren Geschichten, wenn ihr nicht aufpasst. Sorgt dafür, dass eure Leser euch in der Realität zuhören. Eine gute Geschichte braucht keinen Raum, sie braucht einen Leser. Ohne euch sind wir nur noch Technologie.