In Real Life

In Real Life

Wenn ein Autor liest, hat er es nicht immer leicht. Außer er hat sich über Jahre hinaus eine Fangemeinde zugelegt, die es ihm nachsieht, dass er nicht lesen kann, sodass sie zwischendurch auf die Uhr schauen, wann sie denn endlich ihre Fragen stellen dürfen. Große Namen werden angehimmelt, während den Newcomern erst mal mit Skepsis begegnet wird. Schreibt er nicht über etwas, über das andere längst geschrieben haben? Wird er überhaupt ein zweites Buch nachschieben können? Doch die Frage aller Fragen lautet: Ist er mir sympathisch? Dass das nicht durchweg von Platz zu Platz sein muss, ist klar. Im Theater sitzen sie wenigstens in einem schwarzen Loch und die Schauspieler sehen sie nicht, dürfen höchstens am Applaus ablesen, ob die Vorstellung gefallen hat oder ob sie durchgefallen ist. Im Kino enthalten wir uns eh jeglicher Reaktion und tragen sie nach draußen. Bei der Kunst versinken wir andächtig in ein stilles Gebet. Nur der Autor, wenn er sich von seinem Schreibtisch wegwagt, ist Schlachtvieh. Entweder wird er hemmungslos verehrt und muss auch noch den letzten Namen eines Familienmitglieds in sein Buch schreiben oder er dient als Blankovorlage der dümmsten Fragen, mit denen sich Zuhörer als Insider outen wollen. Kein Wunder, dass Autoren danach gleich zurück in die Fiktion flüchten. Vielleicht einen Roman über eine Lesung schreiben, bei der nicht gelesen, nicht gefragt, bei der sich nur gegenseitig angesehen wird.