I BELIEVE IN MIRACELS

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So ist das mit den Wundern. Sie laufen aus. Wie das mit dem Wirtschaftswunder in China zurzeit. Sie hätten dieses Wunder in Peking noch weiter Wunder sein lassen, wenn es denn gewollt hätte. Egal, wie verpestet die Luft ist. Egal, wohin mit dem Industriemüll. Egal, wohin mit den Einwohnern, die nicht umziehen wollen. Das große Ganze, das Wunder gilt es zu erhalten. Denn Wunder geschehen selten. Endlich erwirtschaftet auch die USA wieder einen Ölüberschuss dank Fracking. Wieder ein Wunder. Oder vor zehn Jahren: jedem sein Eigenheim! Ein Hausbesitzerwunder. Wer jetzt durch Spanien oder Griechenland reist, kann sich vor lauter For-Sale-Schildern nicht retten. Wir Deutschen raufen uns derweil die Stirn, wir hätten warten sollen mit dem Kauf der Eigentumswohnung auf den Kanaren. Jetzt stimmt der Preis. Eine andere Art von Wunder. Und das in einem Land, in dem wir nicht mehr an Wunder glauben, höchstens noch '54 in Bern gelten lassen. Wo sind unsere deutschen Wunder hin? Das ist der Preis, den wir dafür zahlen, dass wir aus der Kirche ausgetreten sind und uns nur zur Kommunion unserer Kinder wieder an einem Weihwasserbecken blicken lassen. Uns ist der Glaube an das Wunder an sich abhandengekommen. Das Geld ließ sich besser anlegen. Zum Beispiel in die Abzahlung einer Ferienwohnung. Dafür haben wir Deutschen unsere Krise. Die Krise ist eigentlich das atheistische Wunder. Für alles zu gebrauchen. Für den privaten Gebrauch bis hin zum Burn-out, über die Wirtschaft bis zum Theatersterben. Auch wenn Wunder besser klingt, ist es doch nichts Besseres als eine Krise. Wie sie jetzt in China bemerken. Später dann irgendwann in Washington. Im Umkehrschluss ist die Krise das deutsche Wunder, das darin besteht, dass wir sie überhaupt bemerken, statt alles auf Go on zu stellen. Das Gute an Wundern ist, sie treten plötzlich auf und keiner braucht sich um deren Krisen zu kümmern. Keiner ist schuld. Nicht mal der Papst würde eins hinterfragen.