Fin

Fin

Irgendwann ist es nun mal zu Ende. Nichts geht mehr, weil alles gesagt ist. Die Geschichte hat sich auserzählt oder wurde zum Showdown gestrickt. Es gibt Sammlungen erster Sätze wie letzter. Einigen Schriftstellern soll der letzte Satz den Verstand geraubt haben, weil er einfach nicht kommen wollte. Mit ihm muss alles gesagt sein. Er soll sich ins Gedächtnis eingraben. So fällt der Stoßseufzer mancher Lektoren doppelt schwer ins Gewicht: Anfänge schreiben, können sie alle, Enden nur die Guten. Der Krimi, denkt jeder, hat es einfach. Zum Schluss kommt der Schurke um, küsst der Held die Frau, geht die Sonne unter oder auf. Aber irgendwie sind die Schlussakkorde im letzten Jahrhundert stecken geblieben. Als es noch Ideologien und feste Jahreszeiten gab. Es existierte eine Übereinkunft, ein Überbau, ein sicheres Gefühl dafür, dass ein Schluss nur so und nicht anders aussehen konnte. Wie sieht nun das moderne Ende aus? Offen? Ironisch? Verspielt? Ein Satz, der uns zu denken gibt? Schlüsse lügen. Sie behaupten, das Leben steht nach diesem Ende still. Es gibt keinen Mord nach diesem einen mehr. Wir brauchen keine Schlösser mehr an den Türen. Wie verheißungsvoll waren da die französischen Filme der 60er- und 70er-Jahre. Mit Yves Montand, Michel Piccoli, mit Romy Schneider und Jeanne Moreau. Sie ließen keinen Zweifel zu. Ihre Geschichten legten eine Pause ein für uns. Damit wir danach begriffen, dass das Leben weitergeht, flammte nicht etwa das Saallicht auf, sondern prangte ein Fin auf der Leinwand. Genug, aus, was wollt ihr noch hier? Geht arbeiten. Liebt euch. Seid Existenzialisten oder Revolutionäre oder verkauft Schuhe. Lasst euch eure Geschichten nicht von anderen erzählen, lebt sie selbst. Also raus ans Tageslicht. Nicht Ende, nicht Schluss. Nur Fin halt. Drei Buchtstaben, die in unserer Welt untergegangen sind, weil offenbar niemand mehr glaubt, dass die eigenen Geschichten sich besser leben lassen als jene, bei denen wir zusehen.