Eine Seite pro Tag

Eine Seite pro Tag

Wo schreiben, wie schreiben, überhaupt schreiben …? Lieber drinnen oder draußen, lieber im Elfenbeinturm oder auf der Straße? Folgen wir den Ratschlägen der Schreibschulen, ist alles eine Frage der Technik. Benutzen wir Paradigmen, inneren Szenenaufbau, schlagen uns mit Cliffhangern und Biografien herum und versuchen einfach, ganz wir selbst zu sein. Schließlich kann man alles lernen, Töpfern in der Toskana wie Wutrausbrüche in der Schauspielschule. Seien wir doch einfach besser als alle anderen, lautet das Motto. Zerhacken Gedanken und Sätze, folgen Szenen nur in Dialogen oder ganz ohne. Hemingway, der Buchhalter der Literatur, saß jeden Tag seine Zeit ab. Notierte die Anzahl seiner Worte, feilte endlos Satz für Satz. Wo schreiben? Egal? Wie schreiben? Vier Stunden lang. Überhaupt schreiben? Was für eine alberne Frage. Es müssen vierhundertfünfzig Worte her. Vor allem wollen wir an unser Genie glauben. Wer Hemingways Briefwechsel mit Scott F. Fitzgerald gelesen hat, den Empfindlichkeiten, Heucheleien beider gefolgt ist, spürt, dass es um nackte Angst vor dem Satz geht. In der Flut der Eindrücke, die beide aufsammelten. Eigentlich wissen alle Schriftsteller, die perfekte Seite gibt es nicht. Trotzdem wird die eine am Tag zementiert. Es kommt nicht auf den Ort, nicht auf die Zeit, nicht auf den Zweifel an. Und am Ende? Fragt sich der Leser … na ja, wo lesen, wann lesen, wie lesen, soll ich überhaupt lesen …?