Ein Schurke weniger

Ein Schurke weniger

Die meisten werden gehasst. Auch weil die Schwarz-Weiß-Welt im Genre eine klare Zuteilung erfordert, damit wir Leser uns auf eine Seite schlagen. Marlon Brando hat es geschafft, Mario Puzos mittelmäßigem Mafia-Epos Der Pate Grandezza einzuhauchen. Einer der größten Schurkendarsteller ist nun gestorben. Gert Voss, Burgtheaterlegende. Im Film hat er nie jene Intensität ausstrahlen können, die seine kongenialen Darstellungen auf der Bühne hervorriefen. Egal ob in King Lear, Richard der III, als Tartuffe, der Schurke kroch aus einem stahlharten Blick und bediente sich aller komödiantischer Verstellung. Sei es als Emporkömmling, sei es als Verteidiger der eigenen Macht, sei es als auf seinen Vorteil bedachter Banker-Kaufmann von Venedig. Er sah seine Partner auf der Bühne nur an und ein Eisstrahl strich durch den Raum. Viele Autoren bemühen sich, den Blick ihrer Helden in einem Satz einzufangen. Oft genug liest sich das dann so, als würden sie voneinander abschreiben. Doch manchmal gelingt den Besten eine Zeile, die nahe an unsere Vorstellung heranreicht, weil uns ein solcher Blick mal gestreift hat. In Gert Voss betrauern wir nicht nur einen grandiosen Schauspieler. Mit ihm verschwindet ein Blick, der nur in diesem einen Moment in seinen Rollen auf der Bühne entstand. Jeder Schurke ist auf seine Art ein Schurke. Gert Voss ist tot. Ein Schurke weniger. Einer, der wusste, dass Schurken überall lauern.