Balladen

Balladen

Warum verstecken wir uns hinter Geschichten? In der  Sunday Review der New York Times macht sich Peter D. Kramer Gedanken darüber, warum Ärzte die Geschichten ihrer Patienten brauchen. Gut, dass sie so viel erlebt haben. Gut, dass sie so redselig sind. Nur her damit. Daraus lässt sich eine Diagnose erstellen. Jeder denkt natürlich gleich an den eigenen Therapeuten, der durch freundliches Nachfragen die letzten Familiengeheimnisse enthüllt. Ich will gar nicht wissen, wie schlecht es um unser Seelenleben bestellt wäre, gäbe es die Buchhandlungen nicht. Voller Seelentröster, die einem mit einer Romance über eine frische Trennung hinweghelfen. Voller illustrer Privatdetektive, die nach einem Einbruch zu Hause uns mit der Hoffnung auf Gerechtigkeit aufbauen. Wir greifen zum Justizthriller, wenn wir uns ums Erbe betrogen fühlen. Ist der Krimi darüber hinaus komisch, können wir zufrieden unser langweiliges Leben weglachen, weil das Chaos woanders viel größer ist. Müssten die Krankenkassen uns nicht monatlich einen Gutschein für unsere Lieblingsbuchhandlung ausstellen? Zur Vermeidung chronischer erkrankter Seelen. Wären Therapeuten dann plötzlich arbeitslos? Wie wir nun aus der New York Times wissen, kommt es auf den klinischen Moment an. Der Mensch an sich als ärztliche Begegnung. Da lese ich doch lieber. Schließlich: In vino veritas. Und in Geschichten das Überleben.