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Anne Frank darf weiterleben. In Amsterdam wurde ihr mittels Jessica Durlacher und Leon de Winter ein theatrales Was-wäre-wenn geschenkt. Sie hat überlebt. Sie ist nicht gestorben. Nur zur Ikone geworden. Haltet sie am Leben. Wider das Vergessen. Alle Tragödien wandern irgendwann in unser Museum der einbetonierten Betroffenheit ab. Da sollte eine Wiederbelebung eigentlich zu begrüßen sein. Entreißen wir doch den Schrecken dem möglichen Vergessen, um zu mahnen. Die Kritik an dem Vorhaben grassiert vor allem an der kommerziellen Ausrichtung. „Da wird schnell noch mal mit Auschwitz Kohle gescheffelt.“ Gerechtfertigt wird das Ganze mit dem Totschlagargument, die Geschichte neu erzählen zu wollen. Durlacher und De Winter wird man sicher nicht unterstellen wollen, sich leichtfertig an diese Bearbeitung gesetzt zu haben. Für das Stück wurde allerdings eigens ein Theater gebaut. Ein Theater-Dinner arrangiert. Das kennt man normalerweise aus der Musicalszene. Da bleibt das Phantom der Oper für Jahre auf dem Spielplan und leitet Touristenströme in eine Stadt um. Doch es soll ein edukatives Projekt sein. Wie schön, wie selbstlos. Die Frage muss erlaubt sein, ob es im Hier und Jetzt keine Geschichten mehr gibt, deren Brisanz sich nicht auf einen verwalteten Betroffenheitskult bezieht. Die es verdient hätten, dass so viel Aufwand betrieben würde, weil sich noch etwas ändern lässt. Nichts ist so erfolgreich wie eine Schlacht, die längst geschlagen ist. Nichts so besänftigend wie die gemeinsame Bestürzung. Auch wenn an den Rändern einer Gesellschaft neue Themen längst die alten Gespenster hervorlocken. Mit diesem Projekt werden keine Antworten gegeben. Das ist ein Händeschütteln Gleichgesinnter. Die ernsten Gesichter werden nur eines belegen: wie schrecklich das doch damals war. Damals. Und immer wieder damals. Während vor Lampedusa die Menschen lieber ersaufen, statt in ihrer Heimat zu verhungern. Wahrscheinlich wird es in fünfzig Jahren auch darüber ein Stück geben. Muss ja nicht unbedingt ein Musical sein. Aber es war doch furchtbar. Damals. Also heute.